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Schon vor der Gründung der Frankfurter Universität im Jahr 1914 beginnt an der 1902 errichteten Akademie für Handels- und Sozialwissenschaften die institutionalisierte Lehre und Forschung auf dem Gebiet der romanischen Sprachen und Literaturen. Zwar war die Akademie in ihrer Satzung programmatisch darauf verpflichtet worden, "die Bedürfnisse der Praxis unausgesetzt im Auge zu behalten und zu berücksichtigen", allerdings konnte der Schweizer Romanist Heinrich Morf (1845-1931) als erster Rektor dieser Hochschule engagiert und erfolgreich neben dem damit gemeinten Sprachunterrricht auch eine philologische Lehre und Forschung etablieren. Für den Beginn des Jahrhunderts fortschrittliche Ansätze, wie die Förderung längerfristiger Aufenthalte von Studierenden in Frankreich durch Stipendien, finden Anerkennung auch bei den Kultusbehörden, die zwei Semester eines Frankfurter Studiums auf die sonst ausschließlich universitäre Lehramtsausbildung anzurechnen bereit sind. Das Lehrangebot Morfs begegnet großem studentischen Interesse, so daß er 1909 schreiben konnte: "Ich lese das 18. Jahrhundert vor 150 und Chateaubriand vor 200 Zuhörern und habe im Seminar zwei Dutzend Universitätsstudenten". Bis 1910 hatte sich das Fächerspektrum der Akademie allmählich, aber stetig erweitert - neben Romanistik und Anglistik traten Lehrstühle für Geschichte, Philosophie und Germanische Philologie. Das Ensemble, das die Hochschule mit einer Reihe weiterer, ebenfalls weitgehend aus privaten Mitteln finanzierter Forschungseinrichtungen bildete, legte die in Frankfurt seit langem verfolgte Gründung einer bürgerlichen Stiftungsuniversität nahe. Besonders gefördert durch den Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes und den Gründer der Metallgesellschaft AG, Wilhelm Merton, gelang 1914 ihre Gründung trotz erheblichen Widerstands des für die Genehmigung zuständigen Preußischen Abgeordnetenhauses. (Ihren heutigen Namen erhielt die Frankfurter Universität allerdings erst 1932, zu Goethes hundertstem Todestag.) Den romanistischen Lehrstuhl in der neugeschaffenen Philosophischen Fakultät hatte bis 1928 der Österreicher Matthias Friedwagner (1861-1940) inne, der schon 1910 Nachfolger Heinrich Morfs an der Handelsakademie geworden war. Seine Forschungsschwerpunkte lagen auf dem Gebiet des Altfranzösischen und der rumänischen Philologie; in dieser Zeit entstehen neben zahlreichen Dissertationen auch zwei literaturwissenschaftliche Habilitationen (Helmut Hatzfeld und Hellmuth Petriconi).
Friedwagners Nachfolge trat 1928 Erhard Lommatzsch (1886-1975) an, nachdem Ernst Robert Curtius und Karl Vossler den Ruf nach Frankfurt ausgeschlagen hatten; auch nach seiner Emeritierung 1954 blieb er noch lange forschend im Frankfurter Institut präsent. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse galt seit 1915 der Arbeit an dem von seinem Lehrer Adolf Tobler projektierten "Altfranzösischen Wörterbuch" (dem "Tobler-Lommatzsch"), die er sechzig Jahre lang bis zu seinem Tod als Ein-Mann-Unternehmen fortführte. Das betonte Festhalten an einem ausgesprochen gegenwartsfernen Arbeitsgebiet in einer Zeit der extremen Politisierung aller Lebensbereiche - gerade auch der neueren Philologien an den Universitäten -, erscheint heute leicht als Möglichkeit des Rückzugs in eine von der faschistischen Ideologie nicht angefochtene Zone "reiner" Wissenschaft: mithin als eine Form der inneren Emigration. Wie problematisch allerdings der Versuch ist, den komplexen Zusammenhang zwischen Forschung, Lehre und Verwaltung, der Erhard Lommatzschs Rolle als Hochschullehrer definiert, auf eine Formel festzulegen, erhellt daraus, daß er 1932/33 in jenem Zeitraum Dekan der Philosophischen Fakultät war, in den die Bücherverbrennung auf dem Römer und das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das die Vertreibung jüdischer Hochschullehrer einleitete, fielen. Die Frankfurter Universität verlor infolge dieser Unrechtspolitik in den folgenden Jahren rund ein Drittel ihrer Lehrenden - nach Berlin war dies die zweithöchste Zahl an einer deutschen Universität. Unter den Entlassenen war auch der Romanist Ulrich Leo (1890-1964), der, 1931 von Lommatzsch für "Romanische Philologie unter besonderer Berücksichtigung des Italienischen" habilitiert, neben seiner Tätigkeit als Bibliotheksrat bis 1935 am Romanischen Seminar Lehrveranstaltungen hielt. Großbritannien, Venezuela, die Vereinigten Staaten und Kanada waren die Stationen seiner Emigration. Ein Ruf an eine deutsche Universität kam nach 1945 nicht zustande, so daß Leo 1959 als "Special Lecturer" an der University of Toronto in den Ruhestand trat. Erst 1963, ein Jahr vor seinem Tod, wurde er in Frankfurt durch die Ernennung zum emeritierten ordentlichen Professor rehabilitiert.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Lehrbetrieb nur wenig reduziert fortgesetzt, wenn auch die Zahl der Studierenden immer weiter zurückging. Zwischen 1939 und 1945 entstanden zwar nur zwei Dissertationen, aber noch 1943 konnte Erich Freiherr von Richthofen (1913-1988) sich mit "Studien zur romanischen Heldensage des Mittelalters" habilitieren und seine Lehrtätigkeit als Privatdozent aufnehmen.
Das Kriegsende 1945 bedeutete keine Zäsur für das Romanische Seminar; Lehre und Forschung in der Frankfurter Romanistik verliefen weiter in den seit langem vorgezeichneten Bahnen traditioneller philologischer Arbeit, deren Leitbilder historische Sprachwissenschaft, Textkritik und -edition blieben, die vorrangig an Zeugnissen der älteren und ältesten Sprachstufen der einzelnen romanischen Sprachen zu erproben waren. Eine Ursache unter anderen für diese relative Stagnation während der fünfziger Jahre ist in der ungünstigen Personalstruktur des Frankfurter Seminars zu sehen, denn die Romanistik blieb bis zu Beginn der sechziger Jahre eines jener Fächer der Philosophischen Fakultät, die trotz stark ansteigender Studentenzahlen nur über sehr wenige Planstellen verfügten. Wiederholte Bemühungen, eine zweite ordentliche Professur zu erhalten, scheiterten. 1954 wurde Lommatzsch nach sechsundzwanzigjähriger ununterbrochener Tätigkeit emeritiert, Erich von Richthofen folgte zwei Jahre später einem Ruf an die Universität Toronto. Hermann H. Sckommodau (1906-1988), Vertreter einer literaturwissenschaftlichen Romanistik traditioneller Prägung, trat Lommatzschs Nachfolge als Ordinarius 1956 an. Nachdem Sckommodau 1961 an die Münchner Universität wechselte, blieb die einzige romanistische Professur erneut zwei volle Jahre vakant; immerhin richtete aber das Kultusministerium in dieser Zeit eine zweite Professur ein, zu der 1966 noch eine dritte hinzukam. 1963 nahmen der Literaturwissenschaftler Franz Walter Müller (1912-1998; 1977 emeritiert) und der Sprachwissenschaftler Wolfgang Pollak (1915-1976, nach 1970 in Wien) die an sie ergangenen Rufe an. Das besondere Verdienst Pollaks lag darin, früher als an vielen anderen romanischen Seminaren in der Bundesrepublik die einseitige Fixierung auf eine herkömmliche, neben historischer Grammatik und Syntax allenfalls noch sprachgeographische Probleme diskutierenden Sprachwissenschaft aufzugeben und den Schritt zu modernen linguistischen Fragestellungen und Methoden zu gehen. Die Gegenwartssprache in den einzelnen romanischen Ländern gewann im Zug dieser Veränderungen einen völlig neuen Stellenwert in der akademischen Ausbildung. Franz Walter Müller, ein Marburger Schüler von Werner Krauss verfolgte literarsoziologische Ansätze, die in den frühen sechziger Jahren Seltenheitswert in den Philologien besaßen. Mit Manfred Bambeck (1918-1985) wurde 1966 ein Schüler Lommatzschs auf den dritten Lehrstuhl berufen, der gleichgewichtig sprach- und literaturwissenschaftliche Methoden zur hermeneutischen Aufhellung mittelalterlicher Texte verband.
In den sechziger Jahren begannen tiefgreifende strukturelle Veränderungen im Bildungssystem der Bundesrepublik, in deren Verlauf sich die Basis der sozialen Herkunft der Studierenden außerordentlich erweiterte, die Zahl der Studenten sehr rasch anstieg und die Hochschulverfassungen grundlegend umgestaltet wurden. "1968" ist, unter anderem, gleichermaßen Ausdruck dieser längerfristigen Veränderungen wie beschleunigender Faktor in den angestoßenen Transformationsprozessen. Die "Ordinarienuniversität" sollte durch umfassende Partizipation aller an den Hochschulen vertretenen Statusgruppen in der universitären Selbstverwaltung demokratisiert werden. Nach Auflösung der Philosophischen Fakultät 1971 wurde die Frankfurter Romanistik als "Institut für Romanische Sprachen und Literaturen" in den neugebildeten Fachbereich "Neuere Philologien" integriert. Neben die Staatsexamina für die einzelnen Lehrämter wurde als weiterer erster akademischer Abschluß die Magisterprüfung eingeführt, der ein grundständiges Studium anderer romanischer Sprachen als des Französischen begünstigte. Durch den Ausbau auf zeitweilig mehr als zehn Professuren erweiterte sich das vorher europazentrische Arbeitsfeld der Frankfurter Romanistik sehr stark, so daß besonders die Neue Romania, vor allem Lateinamerika und die Frankophonie, in Forschung und Lehre intensiv berücksichtigt werden konnten. Am Institut werden heute zahlreiche romanische Sprachen gelehrt (Französisch, Italienisch, Katalanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Spanisch) und Forschung und Lehre in Literatur- und Sprachwissenschaft im Rahmen einer großen methodischen Vielfalt betrieben, die neben den klassischen Methoden auch andere Positionen (Kulturtheorie, Text- und Medienwissenschaft, Mediävistik, Mehrsprachigkeitsforschung, Sozio-, Text- und Varietätenlinguistik) umfaßt. Unter den international herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die am Institut für Romanische Sprachen und Literaturen gelehrt haben, ist vor allem Brigitte Schlieben-Lange (1943-2000) zu nennen, die in den zwei Jahrzehnten ihrer Tätigkeit am Institut wegweisende Arbeiten zur modernen Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte der romanischen Sprachen vorgelegt hat.
P. Krügel/S. Brüning der Arbeitsgruppe "Fachgeschichte der Romanistik" Leitung: Prof. Dr. Jürgen Erfurt
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